Direkt zum Inhalt

Tagebuch: Was war heute schön? Therapeutisches Schreiben

Ein Satz am Abend genügt. An manchen Tagen auch keiner.

Aufschreiben, was gut war, klingt nach einer kleinen Geste. In der Pflege ist es eine große. Der Blick richtet sich sonst zwangsläufig auf das, was schwieriger geworden ist: was heute nicht mehr ging, was verloren gegangen ist, was morgen ansteht. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern Aufmerksamkeit für das, was Sorge macht — sie ist notwendig und ermüdet zugleich.

Nehmen Sie ein Heft, das Ihnen gefällt, und legen Sie es dorthin, wo Sie abends ohnehin sitzen. Schreiben Sie einen Satz. Nur einen. Nicht „Wie war der Tag?", sondern „Was war heute schön?" Die Frage ist absichtlich klein gestellt: Es geht nicht um einen guten Tag, es geht um einen guten Moment.

Solche Momente sind meistens unspektakulär, und genau darum werden sie vergessen. Die Hand, die nach Ihrer greift. Ein Lied, das plötzlich mitgesungen wird. Der Kaffee, der einmal in Ruhe getrunken wurde. Ein Satz Ihrer Mutter, der klang wie früher.

Es wird Tage geben, an denen Ihnen nichts einfällt. Das ist kein Scheitern und kein Zeichen dafür, dass es nicht funktioniert. Lassen Sie die Zeile leer oder schreiben Sie hin, dass heute nichts war. Auch das ist eine ehrliche Notiz — und sie steht neben all den anderen.

Nach einigen Wochen entsteht etwas, das im Alltag schwer zu greifen ist: ein Beleg. An einem schweren Tag lässt sich zurückblättern und lesen, dass es auch anders war. Manche Angehörige berichten, dass sie mit der Zeit anders durch den Tag gehen — sie halten unwillkürlich Ausschau nach dem einen Satz, den sie abends schreiben können.

Und noch etwas: Dieses Heft muss niemand außer Ihnen lesen. Es ist kein Bericht und keine Rechenschaft. Es darf unordentlich sein, lückenhaft, wütend. Schreiben hilft nicht, weil es schön klingt, sondern weil es aus dem Kopf heraus und auf das Papier kommt.

Noch mehr Zeit für mich

Bitte melden
Sie sich an

Sie müssen angemeldet sein, um diese Funktion nutzen zu können.